Über sämtliche Kanäle erreichten mich gestern Meldungen zu meiner Gefühlsäußerung. Und ich bin überrascht, wie unterschiedlich diese doch aufgefasst wurde. Noch ein bisschen spannender ist eigentlich das Schweigen anderer. Vielleicht aus einem unbewussten Implus heraus, mich darauf zu lassen, auf diesem, meinem Weg. Es hängt natürlich alles zusammen und aus allen hier veröffentlichten Beiträgen lässt sich eine Geschichte weben, wenn man ein bisschen genauer hinsieht und nein, so ist es im Grunde keine “typische Sonntags-Singlekrankheit” sondern vielmehr die Bewusstwerdung des völligen Alleinseins und dem Wunsch danach nicht alleine sein zu müssen, der aber völlig sinnlos ist, weil es eben darum geht, dieses Alleinesein zu spüren und auszuhalten und nicht zu intellektualisieren, indem man sich einredet, dass es doch jetzt auch mal “ok” ist, alleine zu sein – es besteht nämlich ein großer Unterschied darin, ob man denkt, dass es ok ist oder ob man spürt, dass es einen nicht umbringt!
Ich weise immer wieder gerne auf Thorwald Detlefsens Ödipus der Rätsellöser: Der Mensch zwischen Schuld und Erlösung hin und jedes Märchen, jeder Harry Potter Roman ist eine Geschichte vom Erwachsenwerden, von der Bewusstwerdung der Dinge und dazu gehört eben auch, dass es normal ist, dass man alleine Sonntags frühstück, dass man alleine im Park in der Sonne liegt, dass man alleine in den Urlaub fährt, dass man alleine ins Theater geht, dass man alleine ins Berghain geht, dass man einfach überall immer alleine ist und dass es schön ist, dass es ein Geschenk ist, wenn da geliebte Menschen um einen sind, die einen halten, wenn es mal ein bisschen schwerer wird, dass das aber keine Selbstverständlichkeit ist und dass man das auch nicht einfordern kann, denn wir leben nicht in einer heilen Welt und ist man sich seines Alleinseins bewusst, dann kommt man mit dieser Tatsache auch schon sehr viel besser zurecht.
Im Grunde ist es eine klassische, griechische Tragödie, die ich hier erzähle, bei der es keine Rolle spielt, was genau geschehen ist, was zu diesem Punkt führte, sondern viel wichtiger ist der Umgang damit und die Bewusstmachung des Umstandes, dass ich in jedem Fall scheitern werde, dass jeder in jedem Fall scheitern wird, das ist der Gang der Dinge, man könnte auch “sterben” statt “scheitern” sagen. Warum man dann noch weiterleben soll, weiß ich oft nich so genau. Vielleicht sind es die kleinen Momente wie im Auto nach Steglitz zu fahren, die Abendsonne im Gesicht, vielleicht ist es die “Schnapsbehandlung” in einer Bar, nach einem missglückten Vortragsbesuch, vielleicht ist es die Email im Posteingang, die so genau den Kern des Problems trifft, dass es einen zu Tränen rührt, dass es Menschen gibt, die es einfach so verstehen können, diesen Zustand, diese Reise und das Erkennen, dass man irgendwie in seinem Alleinsein doch nicht allein ist, weil so viele andere ebenso allein sind und das wiederum Gemeinschaft schafft, aber nur wenn man sich das eingesteht und sich öffnet, den Schlüssel im Schloss herumdreht und das Tor zwischen Kinderwelt und Welt öffnet und hindurchgeht. Weil der Ursprung allen WIRKLICHEN Leidens darin liegt, ausgeliefert zu sein, einer Welt, die man denkt beherrschen zu müssen, die sich aber nicht beherrschen lässt. In der WIRKLICHEN Welt gibt es auch Leid, aber das ist ein anderes Leid, ein bewusstes verantwortungsvolles Leid und die Erkenntnis darüber, dass es Situationen gibt, die sich nicht ändern lassen, die einfach so sind wie sie sind, auch wenn sie ganz furchtbar traurig sind, dazu gehört auch das allein in der Sonne frühstücken und manchmal auch die Sehnsucht nach einem Gegenüber, manchmal aber auch die Freude darüber auch ganz alleine tiefes Glück empfinden zu können.
Und so ist es das, was viele vielleicht meinen, wenn sie mir sagen, dass es an der Zeit sei, jetzt ersteinmal ein wenig alleine zu sein, nach all dem was passiert ist, es aber nicht darum geht alleine in der Küche darauf zu warten, dass das Telefon klingelt, sondern vielmehr auf die Art, wie sie Julia gern auszudrücken pflegt Cry a river, build a bridge and get over it. Dieses Weinen aber kein Jammern ist, was ich die letzten Monate getan habe, sondern ein reales Trauern, ein Beweinen der Dinge, ein Annehmen ihres So-Seins, ein Abschied von einer gescheiterten Idee, der Idee von der heilen Welt.
Warum 30 jährige “Kinder” noch immer in ihren heile Welt Phantasien stecken ist in unserer Gesellschaft keine wirkliche Überraschung – auch hier verweise ich an Thorwald Dethleffsen und wenn man sich dies wirklich bewusst macht, dann erklärt sich vieles und sie macht mir ehrlich gesagt große Angst, die Welt, in der Kinder regieren, Kinder Kinder in die Welt setzen und Kinder denken, längst erwachsen zu sein, denn ja, intellektuell fassen können dies die meisten, nur auch wirklich fühlen, was es bedeutet, tatsächlich den Weg gehen, der eben nicht gegangen ist, wenn man sich durch alle Harry Potter Bände durchgekämpft hat auch wenn man denkt, dass es sich so anfühlt.
Ich bin im April stationär in einer psychatrischen Klinik gewesen, parallel zu der Zeit las Julia Irre! – Wir behandeln die Falschen: Unser Problem sind die Normalen und zu Beginn meiner Therapien hatte ich mich immer mit Händen und Füßen gewehrt, gegen ein Normalsein und mittlerweile weiß ich, dass es nicht darum geht, irgendwie “normal” zu sein, sondern einfach der zu sein, der man ist. Aber wer ist das eigentlich?
Jetzt gerade bin ich eine völlig vereinsamte in meinem Kopf eingesperrte Prinzessin im freien Fall, nach dem Sprung in das Rabbit Hole und ich habe GAR keine Ahnung, wo ich aufschlagen werde, vielleicht werde ich auch sterben. Und ich habe einfach keine Lust mehr mit Menschen zu sprechen, die nicht wenigstens einmal in ihrem Leben geahnt haben, dass hier etwas gehörig schief läuft oder die trotz dass sie es spüren, den Irrsinn einfach weiterleben, Depressionen durch sämtliche Suchtmittel (und dazu eignet sich ALLES) zu verdrängen suchen, so wie ich es jahrelang getan habe… Doch wieder bin ich nicht alleine damit, mit meiner Sucht, mit dem dahinterliegenden Grund für die Sucht, die in der Angst liegt vor dem Erahnten.
Nun habe ich zwei Möglichkeiten. Ich kann weiterhin von einer Beziehung in die nächste stürzen oder ich kann mich der Angst stellen und so die Möglichkeit auf eine wahre Beziehung zu anderen und noch viel wichtiger, zu mir selbst bekommen. Uah. Das klingt ganz wahnsinnig sprirituell, aber das liegt wohl daran, dass es das einfach ist. und gestern hörte ich im Deutschlandfunk einen Gottesdienst, in dem es um den Abschied ging. Genauer um den Abschied zwischen Jesus und seinen Jüngern kurz vor der Kreuzigung. Und ich war überrascht, wie simpel, wie einfach es ist, Abschied zu nehmen, darüber zu Weinen, den Schmerz zuzulassen, dass nun etwas zu Ende geht. Und heute haben wir das total vergessen. In der Welt der modernen Kommunkationsmittel denkt man, man ist immer noch irgendwie da. Tote haben Facebookseiten über die man sie kontaktieren kann, wir springen in ein Flugzeug, fliegen auf die andere Seite der Welt und plaudern einfach über Skype weiter. Das ist totaler Wahnsinn, eine Welt, in der es keine Abschiede mehr gibt, in denen Abschiede nicht mehr bewusst erlebt werden, wie soll man denn da jemals lernen zu gehen, Dinge gehen zu lassen, zu akzeptieren, dass etwas zu Ende gegangen ist, dass die Kindheit zu Ende ist und dass es an der Zeit ist selbst das Schwert zu erheben und in den Wald zu ziehen, um den Drachen zu bezwingen?
At the end of the day when youre lonely
After begging to be left alone
You can look at this world as your kingdom
If you want you can make me your home
(Und übrigens: Liebeslieder kann man sich auch mal selbst singen!)