Das was Umberto Eco über das Tragen von Blue Jeans sagt, lässt sich natürlich auf Sämtliches übertragen. So z.B. die Fotokampagne, die anlässlich des morgen startenden 11 Festival for Fashion&Photography in Wien von Elfie Semotan in Kooperation mit dem Gute-Laune-Künstler Erwin Wurm realisiert wurde. So würde ein Test im Alltag zeigen, wie bestimmte Stoffe und Kleidungsschnitte nicht nur Einfluss üben auf die Art und Weise, wie der bekleidete Körper von außen wahrgenommen wird, sondern auch wie man sich selbst in seinem Körper empfindet und wie sich diese Empfindungen durch eine bestimmte Kleiderwahl verändert. Dabei denkt man natürlich auch immer an Rei Kawakubos Body meets Dress Kollektion…
Archiv für die Kategorie „Theorie“
Körperdenken.
Sonntag, 5. Juni 2011Lendendenken.
Mittwoch, 1. Juni 2011Ein bisschen jammern, ein bisschen heulen, ein bisschen promovieren:
Umberto Eco beschreibt in seinem Aufsatz „Das Lendendenken“ seine Erfahrungen im Tragen von Blue Jeans. Dabei geht es ihm besonders darum, zu erläutern, wie der spezifische Stoff auf seiner Haut, sein Körpergefühl und damit letztlich auch sein Verhalten änderte: „Infolgedessen lebte ich nun im Bewusstsein, Jeans anzuhaben (während man ja gewöhnlich lebt, ohne dauernd daran zu denken, dass man Hosen anhat). Ich lebte für meine Jeans und benahm mich infolgedessen wie einer, der Jeans anhat. Will sagen, ich nahm eine Haltung an.“
Bemerkenswert an dieser Aussage ist, dass „Jeans“ heute für gewöhnlich als Freizeitkleidung wahrgenommen werden, als solche, die ihrem Träger, im Gegensatz zur Arbeitskleidung, eine Art Freiheit vermitteln sollen. So bemerkt Eco selbst: „Seltsam, dass es ausgerechnet das traditionell zwangloseste und antikonformistischte Kleidungsstück war, dass mit eine Förmlichkeit aufzwang, ein Benehmen. (…) Die Jeans zwangen mich zur Kontrolle meiner Bewegungen, machten mich zivilisierter und reifer.“
Coming up next: Boris Bidjan Saberi
Freitag, 20. Mai 2011Die Frage, wo die Grenze zu ziehen ist, zwischen Kunst, Design und Handwerk Leben, Mode und Kunst versuche ich heute in Kreuzberg zu klären im Gespräch mit Boris Bidjan Saberi. Die Antwort wird dann bald publiziert. Wo, verrate ich wenn es soweit ist.
Lumpenvenus -
oder von der zeitraubenden Recherche
Montag, 4. April 2011
Ich verbringe meine Tage damit, Literaturrecherche zu betreiben, zwischen Regalen der Berliner Bibliotheken herumzulungern, Bücher querzulesen und mir einen Überblick über die deutsch- und englischssprachige Literatur meines Forschungsgebietes zu verschaffen. Das ist eintönig und nicht wirklich spannend, aber braucht viel Zeit und Sorgfalt. Wahrscheinlich ist es das, was ich auch die nächsten zwei Monate noch tun werde.
Bisherige (nicht wirklich überraschende) Erkenntnis: Die aktuelle wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Mode als Teilgebiet der Sozialwissenschaften ist in Deutschland lausig, im Vergleich zu dem, was z.B. in England passiert. Berg Publishing watet ab Herbst 2011 mit einigen sehr spannenden Publikationen auf. Die maue deutsche Lage kann ich auch positiv sehen. So besteht genug Raum, das zu ändern… Während ich gerade wenig über Mode zu sagen habe, empfehle ich die Lektüre Elfriede Jelinks (eh!) in Bezug auf das Gebiet. Hier wird es die nächsten Tage wohl ebenso ruhig bleiben wie die letzten…
“Penisneid”
Montag, 7. März 2011“Die feministische Kritik muss einerseits totalisierende Ansprüche einer maskulinen Bedeutungs-Ökonomie untersuchen, muss aber andererseits gegenüber den totalisierenden Gesten des Feminismus selbstkritisch bleiben. Der Versuch, den Feind in einer einzigen Gestalt zu identifizieren, ist nur ein Umkehrdiskurs, der unkritisch die Strategie des Unterdrückers nachahmt, statt eine andere Begrifflichkeit bereitzustellen.”
(Judith Butler in Das Unbehagen der Geschlechter).
So aktuell wie eh und je.
modetreue 3/3
Montag, 28. Februar 2011Viele Forscher verorten die Geburt der Identität in die Zeit der Renaissance. Das war eine Zeit, in der, einhergehend mit gesellschaftlichen Umstrukturierungen, zunehmend spezifische Kompetenzen gefragt waren. Diese wurden einem nicht länger mit der Identität angeboren, sondern mussten erworben werden. So waren Tugend, Eleganz und Annehmlichkeit zwar immer noch nette Eigenschaften, brachten einen aber in Politik und Wirtschaft nicht unbedingt weiter. Die erforderlichen Kompetenzen verlangten nach einer gezielten Erziehung. Mit dieser Tatsache ging die Feststellung einher, dass nicht jeder alles gleich gut konnte, das “nichts dem Menschen weniger gleicht als ein Mensch.”
Mit dieser Erkenntnis wurde man sich einer völlig neuen Problematik gewahr – die von der Beziehung von Allgemeinem und Besonderem, man kann auch sagen, die zwischen Individuum und Gesellschaft. Führte man zuvor das Andere auf das Gleiche, das Besondere auf das Allgemeine zurück, beginnt man spätestens seit der Renaissance Andersartigkeit als solche zu registrieren.
Mit dem Auflösen der einen Weltordnung löste sich aber nicht automatisch auch das Bedürfnis des Einzelnen nach Stabilität auf. Weil es die Stabilität nicht mehr gab, musste jeder etwas Eigenes suchen, um sich selbst zu stabilisieren. Das neu erwachte Individuum tat dies, indem es sich umschaute und beobachtete, was die anderen so taten, um sich selbst zu stabilisieren. So entstand ein Geflecht aus Individuen, die damit beschäftigt waren, zu beobachten, beobachtet zu werden und zu beobachten wie sie beobachtet werden. Der Systemtheoretiker Niklas Luhmann bezeichnete das später als ein System zweiter Ordnung, das sich nicht wie das System erster Ordnung zuvor aus einer Ordnung konstituierte, sondern durch die Vielzahl aktiv Agierender unterschiedliche Perspektiven ermöglichte und dadurch unterschiedliche Sichtweisen und unterschiedliche Ordnungen.
modetreue 2/3
Sonntag, 27. Februar 2011In vormodernen Zeiten gab es viele Probleme, die uns heute plagen, überhaupt nicht. Das Problem z.B., sich nicht entscheiden zu können, weil einem so viele Möglichkeiten offen stehen, dass man gar nicht mehr weiß, was für einen das beste ist, dieses Problem hat es nicht gegeben. Es gab eine gottgegebene Wahrheit, eine große Ordnung der Dinge, nach der alles lief und nach der sich alle richteten. Und lief etwas einmal nicht nach Plan, dann war das nicht weiter irreführend, sondern lediglich eine Abweichung, die es galt, wieder auf die große eine Ordnung zurückzuführen. Es gab keine Kontingenz, keine Fülle an denkbaren Möglichkeiten, an theoretisch möglichen Wahrheiten, wie wir sie heute kennen. Das machte das Leben sehr überschaubar.
Diese fehlende Kontingenz bezog sich nicht nur auf äußerliche Möglichkeiten, sondern ebenso auf innere. D.h. es gab keine unterschiedlichen Seinsmöglichkeiten, keine Individuen, keine Identität, jedenfalls nicht in der Form, wie wir sie heute kennen. Vor dem 17. Jahrhundert wurde man in seine Identität hineingeboren. Man war dann entweder adelig, arm, Sohn oder Tochter von usw. Dies konstituierte einen Rahmen, innerhalb dessen man sich verhalten konnte. Selbstverständlich hatte man die Möglichkeit, sich außerhalb dieses Rahmens zu bewegen, sich eigenwillig zu kleiden oder eine eigene Meinung zu artikulieren. So war man aber kein besonders einfallsreicher, individueller Mensch, wie wir es heute vielleicht sehen würden, sondern – mit viel Glück, ein Held – meist aber eher ein zu beseitigender Störenfried oder schlichtweg verrückt.
Ob die Menschen damals glücklicher gewesen sind, vermag ich hier spontan nicht zu sagen. Eines ist aber wohl sicher, sie hatten ein stabiles Weltbild und viel mehr Zeit sich mit anderen Dingen als sich selbst zu beschäftigen.
modetreue 1/3
Samstag, 26. Februar 2011Heute vor einer Woche war ich in Mannheim und las einen Text zum etwas abstrakten Begriff “Modetreue”, allen durchaus berechtigten Befürchtungen zum Trotz, dass sie ein bisschen zu komplex sein könnte, meine Ausführungen, um sie lesend einem Publikum vorzutragen. (Mir liegt die Form des Vortrags eher) Daher hier in Portionen mein Text zum Nachlesen (Ich stütze mich im Text in erster Linie auf die Überlegungen Elena Espositos zur Paraxodie der Mode. Die Zitate stammen – sofern nicht anders vermerkt – aus der gleichnamigen Publikation):
Mode und Treue sind zwei Dinge, die dem ersten Anschein nach nichts miteinander zu tun haben. Die Mode wurde lange verstanden als recht oberflächliches Phänomen. Die meisten der wenigen Theoretiker, die sich im Laufe der Entwicklung der Moderne mit ihr befassten, kamen zu dem Schluss, dass die Mode grundsätzlich unnötig ist. Sie sei vielmehr eine auffällige Form des Konsums und weniger ein ernstzunehmendes wissenschaftliches Feld. Im 17. Jahrhundert war die Mode die „Göttin des Scheins, der Wahnsinn, dem man sich nicht entziehen konnte, die Königin des gesellschaftlichen Lebens. Neben der Wahl der Kleidung und der Gewohnheiten, lenkte die Mode selbst die Wahl der Sitten, der Moral, der Art zu Reden und der Theoriebildung.“ Im Grunde hat sich daran nicht viel geändert, nur verlor die Theorie im Laufe des 19. Jahrhunderts das Interesse an ihr. Die Mode wurde zu einem nichtigen und umgrenzten Gegenstand, der auf die Kleidung beschränkt und vorwiegend den Frauen vorbehalten war. Das Seltsame daran ist, dass das genau zu einer Zeit passierte, in der die theoretische Auseinandersetzung mit modernen Phänomenen wie die Temporalisierung und der zunehmende Individualismus und die sich daraus ergebenden Konsequenzen zunahm. Dabei ist es doch gerade die Mode, die diese Phänomene gestaltet und operationalisiert. Wer sich mit Mode befasste – und das hat sich bis heute kaum geändert – setzte sich in der Regel nur mit Kleidung und mit der Art, den eigenen Körper zur Schau zu stellen, auseinander. Wie konnte es dazu kommen?
Modetreue.
Freitag, 18. Februar 2011Für den Fall, dass der ein oder andere Leser morgen Abend in der Rhein-Neckar-Region sein sollte. Ich werde im Rahmen der Fashionliaison, die wiederum im Rahmen der Ré Soupault Ausstellung in der Mannheimer Kunsthalle stattfindet, einen Text zum Thema “Modetreue” lesen. Weitere Informationen nach dem Sprung…












