Sex.


credit: Still vom Video Paradise Circus

Sex ist ein Akt der Verschmelzung. Das ist nichts Außergewöhnliches, mag man nun denken. Schließlich geht es um eben diese Verschmelzung eines in der Regel weiblichen mit einem männlichen Pendant, die sich gemeinhin nicht nur auf einer körperlichen, sondern auch auf einer irgendwie gearteten geistigen Ebene vollzieht. Und wenn mir jeder bei der körperlichen Verschmelzung Recht geben mag, so ist es wohl nicht so einfach mit der geistigen, gibt es doch hinreichend Beweise dafür, dass es auch ohne funktioniert, so scheint es jedenfalls. Aus Ermangelung an statistischem Untersuchungsmaterial und dem Studium entsprechender Fachliteratur, wird mein schriftlicher Exkurs auf Überlegungen und eigene Beobachtungen beschränkt bleiben. Um es von Beginn an deutlich zu machen, ich glaube nicht an die Möglichkeit, Sex als rein körperlichen Akt zu begreifen. Es geht dabei im Grunde immer um zwei Dinge. Erstens, der Wunsch mit einer geliebten Person zeitweise zu verschmelzen – was als geistig bezeichnet werden könnte – und zweitens um die Befriedigung von Bedürfnissen, eben das Körperliche. Das kann in einem Akt gemeinsam auftreten, wobei ich mir ersteres schlecht ohne zweiteres vorstellen kann, zweiteres aber durchaus auch alleine vorhanden sein kann, was aber im Umkehrschluss nicht bedeutet, dass diese Art des körperlichen Sex nichts Geistiges mehr hat.

Gemäß der tantrischen Lehre ist jedes Individuum Manifestation einer allumfassenden Energie. Das Ziel des Tantrismus ist die Einswerdung mit dem Absoluten und das Erkennen der höchsten Wirklichkeit. Dazu gibt es viele Techniken, eine davon ist jedenfalls Sex, der als höchst sinnlicher Akt dazu dienen kann, sämtliche Energiefelder – man nennt sich auch Chakras – im Körper zu aktivieren, um auf diesem Wege in Beziehung mit seinem höheren Selbst zu gelangen. Anyway. Das kann man glauben und aktiv praktizieren, man muss aber nicht, weil es so elementar ist, dass man es auch einfach so als wahr empfindet, ohne zu wissen, was es eigentlich bedeutet, einfach dadurch, dass man mit einem geliebten Menschen verschmilzt. Ein Sehen des Allumfassenden durch das Verschmelzen des Ich mit einem anderen Ich. Koppelt man nun Sex von Liebe, dann wird es zu einem, ich beschreibe es mal ein wenig unpoetisch, Ego-Fick. Nimmt man an, dass die Wirklichkeit energetischer Natur ist und Mikrokosmos und Makrokosmos verwoben sind, führt der Tantrismus äußere Handlungen als Spiegel innerpsychischer Zustände aus. Spezifischer: Ich liebe Dich nicht, schlafe aber trotzdem mit Dir, also liebe ich mich selbst auch nicht. Das ständige Wiederholen dieser Art des Aktes – des Ego-Ficks – müsste – dem Tantra zufolge – also zu einer Verstärkung des Gefühls des „sich selbst nicht Liebens“ führen.
Warum aber tut man das dann? Je ne sais qoi. Eine Vermutung wäre, dass damit eine Art Hoffnung verbunden ist. Man tut es immer wieder, weil man hofft, dass man sich bei diesem Mal danach anders fühlen wird, als nicht noch leerer als zuvor. Im Grunde ist es eine Sucht. Die einen nehmen Drogen, andere Trinken und noch andere haben eben Sex um die innere Leere nicht spüren zu müssen. Die Sehnsucht nach Verschmelzung, höherem Ich und innerer Ruhe ist bei allen die gleiche. Das gefährliche an der Verschmelzung ist allerdings, dass sie nur gut und richtig funktioniert, wenn zwei „reine“ Seelen, zwei vollständige Ichs aufeinandertreffen und nicht zwei unvollkommene Ichs, die die fehlende Hälfte durch den anderen zu kompensieren suchen. Das mag bei den allermeisten sehr wackelig funktionieren, bei den meisten aber gar nicht, bei den wenigsten zumindest so, dass man sich seiner Unvollständigkeit vollständig bewusst ist und im Wissen dieser Unvollständigkeit aufeinandertrifft… (schließlich sind wir nicht im Nirvana – der Welt der unendlichen, perfekten Orgasmen)!
Nur ist es nicht so einfach, den Sinn für das Wesentliche zu halten, besonders nicht in einer Gesellschaft, in der „Liebesleid und Abhängigkeit von Beziehungen (…) romantisch verklärt werden. (…) Wir sind umgeben von zahllosen Beispielen dafür, wie perspektivenlose, unreife Beziehungen verklärt und verherrlicht werden.“ An anderer Stelle heißt es: „Es gibt nur wenige Vorbilder dafür, wie einander ebenbürtige Menschen auf gesunde, reife, ehrliche Art miteinander umgehen. Das hat vermutlich zwei Gründe: Erstens gibt es solche Beziehungen im wirklichen Leben tatsächlich nur selten. Zweitens ist der Wert des emotionalen Austausches in solch guten Beziehungen oft viel unaufdringlicher als in deren Gegenstück; deshalb wird ihr dramatisches Potential gewöhnlich übersehen und findet keinen Eingang in Literatur, Theater, Film und Popmusik.“ Es sei erstaunlich zu sehen, „wie sehr wir schon gewöhnt sind an Darstellungen von Ausbeutung, Manipulation, Sarkasmus, Rachsucht, absichtlicher Quälerei, bewussten Versuchen, Eifersucht zu erregen, Lügen, Drohungen, Nötigung usw. – allesamt nur Beispiele für gestörte Verhalten im Umgang mit anderen.“ Dann wird sie ein wenig progressiv, die Robin Norwood, aber nicht unbedingt unrecht: „Alles geschieht in einem größeren Zusammenhang; auch die Art, wie wir lieben. Es ist erforderlich, dass wir uns darüber klar werden, wie schädlich und mangelhaft das Bild ist, das sich unsere Gesellschaft von Liebe macht. Wir müssen uns den oberflächlichen, nichtssagenden Vorstellungen von persönlichen Beziehungen widersetzen, wie die Medien (Anm. als Teil einer riesigen Konsummaschinerie, denn Menschen, die lieben, brauchen nicht viel und schon gar keinen Valentinstag…) sie uns nahe bringen wollen. Wir müssen bewusst offenere und reifere Umgangsformen miteinander entwickeln, wenn wir Chaos und Aufregung gegen echte Nähe eintauschen wollen.“ Alles läuft zusammen in der Notwendigkeit, sich selbst annehmen zu lernen, sich selbst zu lieben. Jeder Versuch, diese Liebe für sich selbst irgendwo anders zu bekommen, wird zu Unglück und unendlicher innerer Leere führen…

Happy Valentine!
Für M.

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1 Kommentar zu „Sex.“

  1. [...] Twitter schwankt zwischen Zynismus und Resignation, die Blogs schweigen sich aus (lediglich auf fnart.org finden sich ein paar ganz okaye Gedanken über den Zusammenhang von Sex und Liebe) und Flickr [...]