Die Paradoxien der Mode #02

Der Begriff der Kontingenz beschreibt, einfach gesagt, eine Fülle an Möglichkeiten. Je mehr es davon gibt, desto schwieriger ist es, ein stabiles Weltbild zu gestalten. Keine Aussage kann als eindeutig wahr oder unwahr, unabhängig von Wissen und Zeitpunkt sowie vom Subjekt der Aussage angesehen werde. Im klassischen Zeitalter gab es diese Probleme nicht. Da gabe es eine gottgegebene Wahrheit und somit keine im heutigen Sinne verstandene Kontingenz. Die Art und Weise etwas zu tun oder zu sein bezog sich nur auf sekundäre, veränderbare Eigenschaften, veränderbar hin zu den dauerhaften, allgemein anerkannten Eigenschaften. Mit anderen Worten: Ein Ding konnte zwar eine von der Allgemeinheit abweichende Eigenschaft aufweisen, diese wurde ihm aber nicht als primär zugestanden, sondern als prinzipiell veränderbar, hin zu einer gegebenen Ordnung der Dinge. Der Schein verwies zwar auf ein Sein, aber eben auf ein allgemeines und nicht auf ein originäres.

Eine Mode, wie wir sie heute verstehen, hatte demnach keine Funktion. Jemand der sich z.B. sonderbar kleidete wich von einer Norm ab, galt als “verrückt” und weniger als individuell, als abgewichen von der Ordnung der Dinge. Er drückte damit eher eine Ablehnung des Gegebenen aus, als eine Individualität, eine eigene Meinung, die es zu dieser Zeit schlichtweg als solche nicht gegeben hat.
Das begann sich, so versucht Elena Esposito nachzuweisen, im 17. Jahrhundert zu ändern: “Damit sich der für die Mode typische, anspruchsvolle (und normative) Umgang mit dem Schein herauskritallisieren konnte, musste zur Markierung und Beschleunigung des Bruchs mit der Rhetorik und der klassischen Semantik vermutlich eine Epoche unkontrollierter Verselbständigung des Scheins durchlaufen werden.” Diese Epoche sieht Esposito im Barock, “die den Übergang zu der für die Moderne charakteristischen Normalisierungen von Kontingenz – auf der zeitlichen und sozialen Ebene – ermöglicht hat.”
Das Hauptmerkmal des Barock ist, Esposito zufolge, “eine Art Trunkenheit (…) in Anbetracht der neuen, sich aus dem Auseinanderbrechen der klassischen Beziehung von Schein und Sein ergebenden Freiheit.” Dies führte zu einem “wilden Experimentieren mit den verschiedenen Kombinationsmöglichkeiten reinen Scheins”, das Espositio auch mit einem “tragischen Bewusstsein von dem Verlust eines festen Anhaltspunktes” in Beziehung setzt. Plötzlich gab es keine verlässliche Ordnung mehr, aber auch noch keine Wege, eine neue Form der Ordnung zu schaffen. Man befand sich in einem Zustand des “anything goes” und so sah das dann auch aus. Gustav René Hockespricht 1957 von einer “Ornamentalen Epidemie”, einem “verrückten Spiel mit Formen, bei dem alles mit allem verglichen und assoziiert werden kann.”
Espositio verbindet diese “ornamentale Epidemie” mit einer “epidemischen Paradoxie”, die sie mit der Bevorzugung von Rätseln und Paradoxien im Barock in Beziehung setzt. Diese dienten dazu, die “Autonomie des Verstandes und der Phantasie gegenüber einer Entsprechung mit der Realität zu manifestieren.” (Vgl. dazu auch die Liebe des Barock zur Maskerade, S. 57ff.)
Allerdings hatte man sich im Barock von einer Inhärenz von Sein und Schein noch nicht verabschiedet. Man glaubte, dass “das Spiel der Erscheinungen (…) die wahre Natur von Menschen und Dingen erst konstituiert.” Die Vorstellung also, von einem origniären Sein blieb weitestgehend bestehen. Nur bestand diese nicht länger in einer naturgegebenen, sondern in einer “Folge von Erscheinungen”. Hier findet sich das, was heute eine der Paradoxien der Mode ausmacht, nämlich “dass nichts von Beständigkeit ist außer die in ihrem eigenen Wandel dauerhafte Unbeständigkeit”, eine Unbeständigkeit, die vor allem auch eine “anthropoligische Konstante” darstellt, “durch die der Mensch permanent vom Zufall geschüttelt und unfähig wird, in sich selbst eine stabilde Identität zu finden.”
Mit der Abwendung von der Natur als stabilitätsgebende Instanz, geht auch eine Abwendung von der Nachahmung als höchste Form der Kunst einher: “Die Gleichförmigkeit der Natur wird ersetzt durch die Mannigfaltigkeit des Verstandes des Einzelnen.” Der Künstler soll nicht länger “nach der Reproduktion bekannter Formen trachten, sondern danach, Neues zu schaffen.” Als neu gilt dabei jenes, das “Staunen und Verwunderung auslöst” und das war zur Zeit des Barock vor allem eine “bis zum äußersten getriebene Bevorzugung der Künstlichkeit” (Vgl. S. 62f.). Dabei kommt dieser Künstlichkeit eine bedeutende erneuernde Funktion zu: “Über den Begriff der Künstlichkeit wird die Stabilität der Welt durch die Teilnahme von Beobachtern ersetzt, und das heißt, dass die allmähliche ins Wanken geratenen Exklusivität des Verweises auf die Sachdimension durch den Verweis auf die Sozialdimension überlagert wird.” D.h., dass es jetzt nicht länger mehr die gottgegebene Ordnung gibt, nach der sich alle richten, sondern dass jeder im Akt des Beobachtens an der Schaffung einer neuen Ordnung teilhat.
Zu dem, was wir heute unter Mode verstehen, gelangt der Barock allerdings noch nicht. Es ist eine Übergangszeit, “in der die Lösungen, die für die Moderne charakteristisch sein werden, noch nicht zur Verfügung stehen”. Kontingenz wurde zwar kundgetan, aber nicht akzeptiert, sondern als “eine Form von Pathologie betrachtet (…). Kontingenz wird autonom, aber nicht unabhängig, und von kosmischen Verweisen kann nicht abgesehen werden.” Hierhin besteht der große Widerspruch des 17. Jahrhunderts: “Es wird die Auflösung der Ordnung vorgeführt, um zugleich das nostalgische Verlangen nach derselben Ordnung wachzurufen. (…) Abweichung wird unter der Bedingung zugelassen, dass keine Verwirrung gestiftet und die Ordnung nicht gestört wird.”

Elena Esposito. Die Verbindlichkeit des Vorübergehenden: Paradoxien der Mode.
S. 52 – 69
Bald folgt #03.
#01 kann hier gelesen werden.

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2 Kommentare zu „Die Paradoxien der Mode #02“

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