Ich lese gerade Elena Espositos Paradoxien der Mode, in dem es in erster Linie darum geht, die Mode als System Beobachter Zweiter Ordnung zu begreifen und gleichzeitig als “semantische Lösung, die das Problem des Einbruchs von Kontingenz und zugleich die Notwendigkeit, Formen der Kontrolle auszubilden, erbt und reflektiert.” Das klingt zunächst komplizierter als es eigentlich ist. Es gibt einige Paradoxien, die sich in der Mode vereinen. Die drei zentralen sind dabei: 1. Das Individuum macht, was die anderen machen, um individuell zu sein (SOZIALE EBENE) 2. Die Mode sucht in ihrer Veränderung ihre Form von Beständigkeit (ZEITLICHE EBENE) 3. In dem Moment, in dem die Abweichung zur Normalität wird, büßt die Mode ihr Wesen ein (SELBSTAUFLÖSUNGSTENDENZ).
Espositio sieht in diesen Paradoxien, die in ihrer jeweiligen Instabilität doch gemeinsam eine gewisse Stabilitität zu erzeugen vermögen, ein für weitere Phänomene der Moderne beispielhaftes Konglomerat. Zu deren Beschreibung sei eine Theorie erforderlich, die eben diese Paradoxien hervorhebt und die Rolle erfasst, die sie für die Funktionsweise der Mode spielen. Also eine Theorie, die in der Lage ist, eine Kohärenz zu entdecken und gleichzeitig auf logische Kohärenz zu verzichten, eine Kohärenz also, die von einer Vielzahl an Teil- oder Lokallösungen, die in einem gegenseitigen, nicht-kausalen, zirkulären Abhängigkeitsverhältnis stehen und keine gemeinsame Ordnung aufweisen, eine MODERNE SICHT DER DINGE, könnte man sagen. Diese MODERNE Sicht steht im Gegensatz zu einer PRÄMODERNEN Sicht, die danach trachtete alle Perspektiven zu einer höheren – widerspruchsfreien – Einheit zu vereinen. Einfacher gesagt. Vor der MODERNE gab es zwar unterschiedliche Perspektiven, aber immer nur EINER Wahrheit. Seit der MODERNE gibt es noch immer unterschiedliche Perspektiven, aber mit jeder Perspektive eine eigene Wahrheit, also im Grunde unendlich viele Wahrheiten, die jeweils von der besagten Perspektive abhängen, aber auch von einer zeitlichen Instanz.
Diese Theorie findet Esposito in der Systemtheorie, die wir spätestens seit Luhmann kennen. Mit dem Verlust der einen Wahrheit in der MODERNE, geht universaler gesprochen, der Verlust der Eindeutigkeit der Welt einher. Jetzt kann alles wahr sein, es kommt eben nur darauf an, wann ich es mir ansehe und aus welcher Perspektive (was das jetzt alles genauer heißt, kann man entweder bei Esposito, s. 25f. oder direkt bei Luhmann nachlesen). Der Verlust der Eindeutigkeit bedeutet auch ein Verlust der Stabilität, zumindest der einen Stabilität, was aber nicht heißt, dass es nun keine Stabilität mehr gibt. Espositio beschreibt das wie folgt: “Ausgehend von Kombinationen unterschiedlicher Instabilitäten hat sie (die Moderne) eine Form vorübergehender und daher paradoxer Stabilität herausgestellt, die der Bereitstellung eines Anhaltspunktes zur Fortsetzung von Kommunikation dienen.” Wir haben nun eine Reihe von Individuen, die andere Individuen beobachten, die wiederm andere Individuen beobachten usw. und wir haben keinen zeitlichen Fixpunkt mehr, denn was ich heute sehe, ist morgen schon wieder etwas anderes und was ich vorgestern gesehen habe ist gestern etwas anderes gewesen als es heute ist. Ähnliches gilt für die Zukunft. Die alles führt auf den einen Punkt zurück, dass es DIE Wahrheit nicht mehr gibt.
Die Mode führt, so Espositio, nun beispielhaft vor, ich habe es eingangs erwähnt, wie sich die Unbestimmtheit der Sozialen Ebene, an die Zeitliche binden lässt und umgekehrt und sich beide dadurch gegenseitig neutralisieren und Stabilität erzeugen und zwar durch einen kleinen Trick: “Noch bevor die Einförmigkeit der Abweichung offensichtlich zutage tritt, ändert sich schon die Richtung und erscheint wiederum neu, anders und abweichend – bis zur nächsten Neuheit. Auf diese Weise greift die soziale Unbestimmtheit auf die Zeitdimension zurück, die aber genauso unbestimmt ist und ihrerseits auf die Sozialität zurückgreift, um ihre Paradoxie zu neutralisieren.” Es handele sich dabei um eine Suche nach Stabilität durch Variation, um einen widersprüchlichen Zustand, der nur bei dem, was sich ändert und über das man weiß, dass es sich ändert, bindend erscheint. Das klingt ein wenig wie Selbstbetrug. Die eine Seite erklärt sich ihre Widersprüche durch die andere Seite, die sich wiederum ihre Widersprüche durch die eine Seite erklärt. Das erzeugt Stabilität aus Instabilität. Das muss so sein, weil sich die Mode sonst selbst auflösen würde (Vgl. Paradoxie Nr. 3). Diese Stabilität garantiert Innovation und Fortschritt und das hat nicht nur etwas mit der Art sich zu kleiden zu tun, sondern mit der Gesellschaft an sich.
Später mehr!
Wer sich gerne mit dem Begriff des “NEUEN” befassen möchte, dem empfehle ich als Einstiegslektüre Boris Groys’ Über das Neue.
Schlagworte: Elena Esposito, Moderne, Niklas Luhmann, Paradoxien der Mode, Systemtheorie
