Wie beschreibt man eigentlich ein Jahr, in dessen Verlauf einem sämtliche Kategorien abhanden gekommen sind? Ich sitze auf dem Sofa, den Laptop auf dem Schoß, während aus dem Wedding die Chinaböller hinüberschallen und denke nach. Scheiße war’s, als mir „das Leben um die Ohren flog“ und ich den Anschluss verlor, an die Welt da draußen – momentan ein einziges kriegsähnliches Wummern, dazwischen Menschen, die hamsterähnlich Lebensmittel horten, als würde sie untergehen, später, in wenigen Stunden, die Welt… Auf dem Tisch liegt das aktuelle ZEIT Magazin – „Und wieder alles falsch gemacht“ lautet der Titel.
Später dann die Fahrt mit dem Auto durch Berlin. Wie in einer altersschwachen Raumkapsel rumpelten wir durch die Stadt. Vorbei an Menschenmassen, Polizei- und Krankenwägen. Einmal zündete ein Böller direkt neben dem Wagen, als ich gerade aus dem Fenster aschte und kurz dachte, die Zigarette würde explodieren. Um 00.00 Uhr standen wir an einer roten Ampel, umarmten uns so innig, wie es das kleine japanische Auto zuließ, im Rücken die Siegessäule, auf dem Weg vor uns der Westen.
Julia sagt, dass das Jahr so werden wird wie die Silvesternacht. Joachim und ich haben früher am Abend fast die gleiche Bleiform gegossen und mussten später feststellen, dass es kein Schicksal war, sondern vielmehr die Art, wie man das geschmolzene Metall in die Wasserschale kippt. Zwischendrinn haben wir ein paar Raketen angezündet, an der Gedächtniskirche, und ich habe mir an meinem neuen Zippo Feuerzeug die Finger verbrannt. „Fire walk with me“ steht darauf, auf dem Zippo.
Im ZEIT Magazin heißt es, dass es eine Kunst sei, Fehler zu machen, bzw. dass es eine der wichtigsten Fähigkeiten im Leben ist, nicht allzu sehr an ihnen zu leiden und dass es allein die Angst vor ihnen ist, die uns immer wieder in die Falle tappen lässt.
Special Agent Dale Bartholomew Cooper formuliert es wie folgt: „It’s not as bad, as long as you can keep the fear from your mind.“
Während er diese Worte sagte, lag er neben seinem Bett auf dem Boden seines Zimmers im Great Northern Hotel und wartete auf Hilfe. Die Kugel aus einer Walter PPK steckte in seinem Bauch, weil die schusssichere Weste, die er bei Undercovereinsätzen zu tragen pflegt ein wenig nach oben verrutscht war. Shit happens. Er überlebt selbstverständlich, so wie es meist mit den Hauptdarstellern von Serien passiert oder aber auch, weil er es schaffte, die Adrenalinausschüttung, die in der Regel mit Angstzuständen einhergeht und die uns zu übertriebenen, irrationalen Reaktionen verleitet – schließlich geht es darum, um jeden Preis zu überleben – mental zu kontrollieren.
2010 hatte ich oft große Angst und meist war ich nicht in der Lage dazu, meine Adrenalinausschüttung irgendwie zu kontrollieren. Mit anderen Worten, ich habe viele Fehler gemacht und dabei sind es nicht die Fehler an sich, sondern vielmehr die Erkenntnis darüber, dass man eine falsche Entscheidung getroffen hat, dass man sich wieder falsch verhalten hat, dass man nicht nach Indien gesegelt, sondern in Amerika gelandet ist und das sich das im nachhinein nicht immer als die eigentliche Sensation herausstellt.
Auf dem Weg rüber in mein Bett traf ich zwei Bill Kaulitz Verschnitte auf der Straßenkreuzung. Der eine trug silberne Glitzerstiefel mit 20cm Plateauabsatz. „Entschuldigen SIE bitte, wo ist denn die Kemmener Straße“, fragte der eine. Später im Traum traf ich sie wieder, da fragten sie mich nach der King Size Bar, wo ich sie gerne getroffen hätte, aber die hatte zu, wie wir früher im jungen Jahr feststellen mussten.
Überhaupt war uns der Zutritt zu einigem durch die Verkettung ungünstiger Umstände verwehrt. Die Raumkapsel flog weiter, ein in sich geschlossenes System, abgeschieden von der Außenwelt. „Was hat das nun für das neue Jahr zu bedeuten?“ fragte mich Julia bevor ich ging. „Nichts“ antwortete ich.
Ich kann nicht sagen, dass jetzt alles besser wird und dass ich ab jetzt keine Fehler mehr machen werden. Im Grunde bleibt alles wie es ist. Wir werden einfach älter und vielleicht werden wir wieder ein bisschen mehr lernen, unsere Fehlerhaftigkeit zu akzeptieren, werden lernen, mit ihr umzugehen, unsere Fehler „ans Herz drücken“, wie Hans Magnus Enzensberger rät, werden vielleicht den Rat der Psychologen zur „Selbstironie, zum Abschied von den großen Idealen“ verinnerlichen und lernen uns zu lieben wie wir sind (das steht auch alles im ZEIT Magazin!). Maybe.
Vielleicht wird 2011 ein super Jahr. Ich habe die letzte Nacht mit meinen besten und nächsten Freunden verbracht und auch wenn das Jahr nicht so toll wird, so werde ich zumindest nicht alleine sein, sofern man Julias Aberglauben Glauben schenken mag.
egal, wie es wird:
schön, dass du wieder da bist!
Ein wunderbarer Text. Lass uns doch mal wieder auf einen Plausch treffen ….
Mal wieder muss ich feststellen, dass ich eine Schwäche für deine Texte habe! Von den “großen Idealen” verabschieden mag ich mich nicht, aber etwas mehr Selbstironie kann tatsächlich nur ein guter Vorsatz sein. Ich kenne kaum jemanden, der nicht mit einem mulmigen Gefühl das Jahr 2010 verabschiedet und auch bei mir ist so einiges drunter und drüber gelaufen. Ich denke, die große Kunst liegt aber weniger darin, keine Fehler mehr zu machen (was bei einem so subjektiv definierten Begriff ja auch immer relativ ist), sondern sie weniger als Fehler oder Fehlentscheidungen zu verstehen – trotz einiger Tiefpunkte stellen sich die Änderungen am Ende doch meistens als ziemlich wohltuend und als Beginn eines neuen, aufregenden Abschnittes heraus! Amen :)
danke.