Vom Kleckern mit Rotwein auf weißen Laken…

Wenn man keine Ahnung hat, dann fragt man nach oder hält bestenfalls den Mund. Woher die etwas schräge Übereinkunft unter (deutschen) Intellektuellen kommt, in Kontexten der hohen Künste, dem Theater, der Oper, dem Museum, dem Galerieraum zu schweigen, wenn man etwas nicht versteht, allenfalls Inhaltsloses in blumige Worthülsen zu verpacken, wenn es aber um vermeintliche Profanitäten geht Verächtlichkeiten Tor und Tür zu öffnen, ist mir schleierhaft. Dabei geht es nämlich selten darum, vernichtende Kritiken zu äußern, die im ein oder anderen Fall durchaus Berechtigung finden würden, sondern vielmehr wird nach einer langen Phase kompletter Ignoranz dem allgemeinen Unmut Luft gemacht, über ein Phänomen, das sich partout nicht ignorieren lässt, begegnet es uns doch permanent am eigenen Leib als Kleidungsart.

So ist der Spiegel beispielsweise bekannt für seine Modenichtberichterstattung. Bestenfalls die Nebenerscheinungen, magere Models, sterbende Designer, sterbende Modehäuser finden Erwähnung. Es geht um Gossip, ein bisschen Szenenkritik garniert mit Meldungen aus der Welt der Wirtschaft – nicht anders, als in den meisten anderen deutschsprachigen Medien auch. Mode ist Lifestyle und keine intellektuelle Auseinandersetzung wert, künstlich überbaute Notwendigkeit, letztlich Klamotte. Doch wie der in diesem Zusammenhang immer wieder gern zitierte Immanuel Kant bereits bemerkte: „Besser ist es aber immer, ein Narr in der Mode als ein Narr außer der Mode zu sein…“ – entziehen kann man sich ihr nicht – so dachte sich wohl auch der Spiegel, nach einer Phase der Nichtbeachtung, einmal wieder etwas zum Thema zu bringen.

Ganz tagesaktuell wurde eine freie Autorin nach Antwerpen geschickt, wo dieser Tage die Modedesignstudenten der Kunstakademie ihre Abschlusskollektionen präsentieren, unter Liebhabern der Avantgardemode das Ereignis schlechthin. Die Autorin, freie Journalistin für Reise, Wellness, Mode, Kultur und Lifestyle ist studierte Modedesignerin und – so möchte man annehmen – offen für anderes, zumindest jenes, was sich jenseits von Konventionellem bewegt, eben das, was passiert, in der Modestadt Antwerpen, die sich seit jeher einen Namen gemacht hat als Hort der Kreativität, einem Ort, an dem, so schreibt die Autorin auch in ihrem Text, eine Modedesignerin – Ann Demeulemeester – das Gewand der Madonna im Gotteshaus Sint-Andries entwerfen durfte.

Allerdings ist von einer irgendwie gearteten Offenheit der Autorin dem Geschehen gegenüber im Text nichts zu spüren. Vielmehr kulminiert die beim Lesen empfundene Engstirnigkeit in der zweimal geäußerten Frage „Wer soll das nur tragen?“, die die Autorin einmal im Titel äußert, später im Text dann einem Touristen in den Mund legt: „’Wer soll das bloß tragen?’, wundert sich ein junger Mann aus Köln angesichts knallfarbener Anzüge aus bedruckten Baumwollstoffen, die an Reptilienhäute erinnern.“ Gewohnt bin ich derlei Fragen aus der Feder zahlreicher Feuilletonisten, Gesellschafts- und Lifestylejournalisten, kommentiert von landläufigen Modebanausen, das aber getippt von den Fingern einer ehemaligen Modedesignstudentin der HAW Hamburg, die gemeinhin keine schlechten Absolventen in die Welt entlässt, macht mich staunend. Designerin ist die Autorin nicht geworden, so mag man aber meinen, sie habe dort zumindest den Respekt vor der Arbeit ihrer Kollegen gelernt. Anscheinend nicht und so zieht die Hamburger Autorin ins geheiligte Modeland und kleckert ein bisschen herum, mit Rotwein auf weißen Laken.

Vielleicht bin ich zu empfindlich, vielleicht möchte ich nichts kommen lassen auf mein Antwerpen, die Stadt in der “die Citronen blühn” und neige daher zur Pingeligkeit beim Lesen eines Textes, in dem die Autorin sich nicht einmal die Mühe macht anzugeben, wo der in Antwerpen ansässige Designer Stephan Schneider denn eigentlich Modedesign lehrt („an der Berliner Modehochschule“) und der strotzt vor abgelutschten Lifestyle Phrasen („das Äußere in allen erdenklichen Grüntönen durchgestylt“, „Ein ‚Fashion Walk’ entspricht sozusagen dem Top-Model unter Antwerpens Sightseeingtouren“, „obwohl Abwechslung und neue Trends in der Hafenstadt ganz offensichtlich zu den Must-Haves gehören“ etc.).

Hinzu kommen ein paar Ungenauigkeiten. Die Behauptung, dass „kein belgischer Modemacher (…) seinen Namen für eine Brillenkollektion oder die zur Marke passende Parfumlinie her (gibt)“ ist schlichtweg falsch. Man könnte argumentieren, dass der Belgier Martin Margiela, der an keiner Stelle des Textes erwähnt wird, vor Lancierung seiner Parfümlinie aus dem Unternehmen ausgestiegen sei und der Duft allein auf die Kappe des italienischen Investors Diesel geht, dann bleibt aber noch die Tatsache, dass Bernhard Willhelm, Absolvent der Antwerpener Kunstakademie, regelmäßig mit Camper kooperiert und bereits zahlreiche Sonnenbrillen für Mykita entworfen hat, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Sicher ist es kaum möglich, auf engem Raum all das Wunderbare der Modestadt Antwerpen unterzubringen. Den Text aber mit dem Vergleich Vera Verschoorens, der Führerin des beschrieben „Fashion-Walk“, mit Vivienne Westwood zu beginnen, stellt das Vorhaben bereits mit dem ersten Satz unter keinen guten Stern. Heruntergenudelt kommt der Text daher, als habe die Autorin ihre Trickkiste der Modephrasen einmal kräftig durchgeschüttelt und einen Standardtext in den Computer gehauen, mal eben zwischen fünf anderen Reportagen, die bis morgen noch geschrieben werden mussten, ohne sich einzulassen auf die Stadt, den Ort, die Mode, die Menschen. Und das ist schade, weil es der Mode mal wieder nicht genügt, nicht gut tut vor allem, in einem Medium, das ihr eh schon keinen Platz einräumt, in der Riege des Berichtenswerten. Wo z.B. ist der Text zur Show an sich, zu den Arbeiten der Studenten, zu den Versuchen, zu den Konzepten? Der fehlt, womöglich weil die Bewertungskriterien fehlen, sie nicht hinausgehen über eine Beurteilung der Tragbarkeit, als würde man ins Museum gehen und die Bilder danach bewerten ob sie farblich zum Sofa passen.

Wichtig ist anzumerken, dass der Text in der Kategorie „Reise“ erscheint und die Show an der Kunstakademie nur als Aufhänger zur Schilderung des „Fashion-Walk“-Programms dient. Ohne eine adäquate Einführung in die Mode (aus Antwerpen), macht dies aber wenig Sinn. Der Text nimmt der Beschäftigung nicht ihre Verächtlichkeit, muss sie sogar noch verstärken: „Da machen’s halt ma so n Fäshnwok“, mit so einer etwas schrulligen Tante, die ausschaut wie Vivienne Westwood. Worum es aber eigentlich geht, wird nicht erklärt, nie. Es ist ja eben nur Mode, Klamotte, die man noch nichteinmal tragen kann, ohne sich allgemein lächerlich zu machen…

Wie wäre es denn mit dem Eingeständnis: „Wir verstehen nichts von Mode und lassen die Berichterstattung darüber einfach bleiben“. Zu 90% gelingt das dem Spiegel auch recht gut, jetzt muss er nur noch die 10% Trial and Error weglassen und alle sind zufrieden, die die es nicht lesen wollen müssen es nicht lesen und die die es lesen wollen lesen es eh woanders.

Modestadt Antwerpen. Entdecken der kreativen Langsamkeit. Erschienen am 10.06.2010 bei Spiegel Online.

Alle Bilder credit: Toerisme Antwerpen

Update (29.06.2010): Um zu verdeutlichen, dass es sich bei diesem Text um eine systematisch und nicht eine individuelle Kritik handelt, wurde der Name der Autorin des Spiegel-Online Textes durch “die Autorin” ersetzt.

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8 Kommentare zu „Vom Kleckern mit Rotwein auf weißen Laken…“

  1. horst sagt:

    hihi
    funktioniert es jetzt eigentlich, einfach weißwein drüber zu kippen?

  2. mahret sagt:

    Weißwein geht immer. Besonders im Sommer.

  3. mary sagt:

    ich dachte salz?

  4. Lisa sagt:

    Bravo!

  5. corinna sagt:

    Ein sehr guter Text. Allerdings stimmt die Annahme dass Kritiker, die keine große Ahnung von Musik oder Kunst haben, schweigen oder ihre Unkenntnis blumig verpacken leider Gottes ebenso nicht.

  6. nora sagt:

    ich habe noch drei mal geguckt wo der Artikel weitergeht, da hat wohl jemand keine Lust mehr gehabt am Schluss und der Feierabend rief. Ich finde auch das der Artikel unglaublich leidenschaftslos geschrieben wurde.. zum Teil hat man das Gefühl, dass eine Grossstädterin schon über diese kleine charmante Stadt ablästert.

  7. drikkes sagt:

    Ach Gottchen, gerade weil der Spiegel nicht als Fashionbibel bekannt ist, sollte man es ihm nicht allzu übel nehmen. Dieses offensichtliche Klientelgeschreibsel ist schon traurig genug. Mitleid habe ich eher mit der Autorin, die den Text scheinbar lustlos heruntergeschrieben hat, nur um irgendwelche Redaktionsvorgaben umzusetzen. (“Schreiben Sie halt was im Kopfschüttelduktus über diese schrägbelgischen Fashionvögel, damit unsere Oberstudienratsabonnenten sich in ihrem Weltbild auf Toskanaurlaub bestätigt fühlen.”)

  8. Ja, finde den Text auch nicht gerade spannend. Naja, Italien bleibt ein schönes Land und die beste Mode ist nun aus der Toskana :-)