Wer da jetzt alles da war, gestern Abend im Tresor, weiß ich nicht. Ein paar übliche Verdächtige, die die Agentur im Verteiler hat und die sich schön machen auf jeder Party, ein paar Kulturmenschen und sicher auch viele Neugierige, die möglicherweise gar nicht gekommen wären ohne Skandal, den die kleine Helene vom Zaun brach.
So Recht geht das, was da in den letzten Wochen in den Feuilletons und im Internet vor sich ging, nicht zusammen für mich, mit einem kleinen Mädchen, das so gar nicht dick und hässlich ist, wie ihr oft vorgeworfen wurde – so absurd das niedergeschrieben hier jetzt klingen mag. Helene wirkt ganz wunderbar, herzlich, nett, liebenswert, schön, ein bisschen zerbrechlich, kuscheln mag man mit ihr auf einem großen gemütlichen Sofa, mit einer Flasche Rotwein und ein bisschen reden über die Welt, wie sie sie versteht, als 18jährige, die so sehr viel mehr zu verstehen scheint, als viele andere, oder jedenfalls in der Lage ist, dies mitzuteilen. An der Decke des Partyraums kleben pinke Luftballons, wie es sich gehört für die Fete einer nun 18jährigen, es gibt einen Kuchen, die Familie feiert ein bisschen abgeschottet rechts hinter dem DJ-Pult.
Nach der Lesung kann man Getränkegutscheine einlösen, an der überfüllten Bar, für einen Wodka Cranberry oder eine Weißweinschorle. Helene signiert Bücher. Ganz absurd wirkt das, untergründig und ganz weit weg von der aktuellen ZEIT, die bei mir auf dem Schreibtisch liegt, mit der Titelgeschichte über „Die Kunst des Täuschens“, einem Feuilleton, dass sich ganz widmet der Geschichte um Helenes Buch und dem Krieg, den sie entfachte, zwischen Internet und Print und zwischen Feuilleton und Feuilleton und Literaturkritikern und Literaturkritikerkritikern, Krieg zwischen allen irgendwie, der viele auf den Plan ruft, die nichteinmal das Buch gelesen haben, geschweige denn geschaut, wer überhaupt dahinter steht, ein verdammt scharfer Geist, bei dem ich mir noch nicht sicher bin, inwiefern er überhaupt in der Lage ist zu fassen, was er geschaffen hat, etwas, das nun erst Form annimmt, sich mir erschließt und das ich vorher nur als „groß“ in der Lage war zu beschreiben.
Die alten Männer und das junge Mädchen schreibt Iris Radisch und meint einen Haufen alter Literatursäcke, die „einschlagen“ auf etwas, das sie nicht verstehen, nicht verstehen können und krampfhaft nach Wegen suchen, das Geschehene in ein Raster zu pressen und ganz nebenbei passiert vielleicht etwas, das Florian Illies noch vor wenigen Wochen unter dem Titel Aufruf zum Vatermord im ZEIT Feuilleton vermisste, den Drang das Seiende zu überschreiten, um Neues schaffen zu können. Wo sind sie, die jungen Wilden, die aus dem Schatten der Väter heraustreten und die Welt vorantreiben? Helene hat einfach ein Buch geschrieben, das passt, das Buch, das diese Zeit verdient, auf die Art und Weise wie es gemacht gehört, weil es so zeitgenössische ist, so Jetzt. Und endlich gibt es wieder ein Buch, das etwas verändert hat, worüber man mal reden kann im Deutsch LK. Der Teufel kam in Gestalt eines kleinen blonden Mädchens, dessen Haare ihm dicht ins Gesicht hängen und ich kann nicht umhin, das Mädchen einmal kurz zu drücken, zum Geburtstag und auch ein bisschen zum Dank dafür, das mal wieder was los ist, im deutschen Feuilleton.
Alle Fotos (bis auf das zweite) credit: William Minke
Schlagworte: Axolotl Roadkill, Berlin, Helene Hegemann, Tresor






Schöner Beitrag, danke dafür! Wenn ein bißchen Zeit ins Land getrudelt ist und meine Synapsen vergessen haben, was ich da alles in den Feuilletons gelesen habe, werde ich auch dieses Buch aufschlagen und mir (m)ein Urteil bilden.
es ist wohl nicht von der hand zu weisen, dass nicht alles im buch auf ihrem mist gewachsen ist und die feuilletons haben sich zu recht drauf gestürzt… es ist deren aufgabe und wir erwarten das doch?
bekommt sie eine art welpenschutz? wenn ja, warum? geklaut ist doch geklaut, und auch wenn sie (der verlag) im nachhinein versucht den schadensbegrenzung zu betreiben, war es trotzdem vorsätzlich.
ich verstehe nicht warum du so unkritisch bist und in dem fall etwas ok ist, wogegen du sonst sturm laufen würdest. angenommen frau hegemann würde deine texte klauen und sie woanders veröffentlichen, würdest du nicht dagegen vorgehen? würdest du das dann trotzdem so milde beurteilen?
Um es mal mit den Worten eines sehr klugen Freundes zu sagen: “Es geht hier nicht um Copyright, es geht hier um Proper Credits.” Da ist was falsch gelaufen, keine Frage. Aber kann man das bitte mal auseinanderhalten? Ach, und was den “Welpenschutz” angeht: Wo genau hat der denn stattgefunden? Dieser Text beschäftigt sich doch primär damit, wie Helene Hegemann bisher bereits von der Presse seziert worden ist. Das sollte man sich schon mal differenziert ansehen. Und da kann wohl von “Welpenschutz” keine Rede sein. Es ist ein Phänomen, wie Helene Hegemann in vielen Blättern bezüglich des “Falls” argumentativer Wiederspruch vorgeworfen wird und sich zugleich genau der seit Bekanntwerden des “Diebstahls” permanent duch die inhaltliche (nicht die strukturelle) Kritik ihres Buches zieht.
na ja,
POP eben . . .
das schöne ist, dass der hype bald durch den nächsten ersetzt wird. das buch wird vergessen werden, so wie es mit der ganzen popip hochgelobten literatur regelmässig geschieht. der ’skandal’ hilft dabei es vielleicht ein paar wochen länger auf den bestseller-listen zu halten.
beim zweiten buch kann sie dann beweisen, was sie wirklich kann. oder zumindest wird sie nicht vergessen quellen zu erwähnen…
Ich glaube, trotz allem kann man bei Axolotl Roadkill und Airens Strobo von zwei unterschiedlichen und eigenen Werken sprechen. Helene Hegemann hat ja nicht komplett abgeschrieben. Bleibt nur die Frage, ob ihr Buch tatsächlich so gut ist, wie zuvor von der Kritik verkündet. Ich weiß es nicht, weil ich nur in der Buchhandlung einen kurzen Blick hinein geworfen habe – ich hoffe, es handelt sich nicht wieder um Hype, weil eine junge Frau mit unanständigen Worten um sich wirft.
Hey Mahret, war auch da! Schade das du an mir vorbei gelaufen bist. Aber wie du schon sagtest halb Berlin war vor Ort um sich dieses Spektakel nicht entgehen zu lassen:)