Axolotl Roadkill:
Dehydriert und gleichzeitig überflüssig

Ja, Helene Hegemann ist 17. Einige gehen bewusst nicht darauf ein, andere hängen sich an diesem Faktum auf (auch hier und hier). Ich frage mich, ob ich überhaupt in der Lage gewesen wäre, damals mit 17 einen Roman zu schreiben. Es gab da diesen Jungen, den meine Eltern nicht mochten, ein paar Mitschüler, die mich nicht verstanden. Im Großen und Ganzen der ganz normale Wahnsinn, denn man so erlebt, mit 17 in der Peripherie.

Meine Eltern leben noch, mein Vater war nicht irgendein ziemlich bekannter Chefdramaturg und ich hatte nicht die Möglichkeit, ein Theaterstück zu schreiben und einen Film zu drehen, für den sich andere Menschen interessierten. Trotzdem verstehe ich irgendwie worum es geht, bei Helene Hegemann, und vor allem worum nicht, nämlich nicht darum, ein Buch zu schreiben, dass sich in irgendeine Tradition zu stellen versucht.

Helen macht ihr Ding und das recht konsequent, indem sie z.B. nicht in die Schule geht, sondern lieber bei Dussmann Bücher liest. Mit dem Geld, das sie durch Verkauf und Vermarktungsstrategien ihres Romans Axolotl Roadkill verdienen wird, kann sie künftig einfach alle Bücher, die sie interessieren, kaufen – Agamben und Foucault z.B. – sie könnte aber auch das Abitur nachholen. Aber wozu eigentlich?

Mifti ist die Protagonistin ihres Romans und obwohl darin nach eigenen Angaben nur dezente Anleihen aus dem eigenen Leben enthalten sind, kommt man beim Lesen nicht umhin, sich permanent Helene Hegemann in der Rolle der wohlstandsverwahrlosten 16jährigen Göre vorzustellen. Berlin ist der Handlungsort, wo sonst, und der Leser darf gemeinsam mit der permanent zugedröhnten Mifti durch sämtliche bekannte Eckpfeiler des Berliner Wahnsinns stolpern. Das klingt jetzt vielleicht gar nicht mal so interessant, ist es aber seltsamerweise doch. Mit jeder Seite die man liest, steigt die Erwartung an den Moment, an dem man das Buch mit einem verächtlich, angewiderten Blick in die Ecke werfen möchte. Aber, er kommt einfach nicht, der Moment, und plötzlich ist das Buch zu Ende mit einem Brief, den die tote Mutter an ihre Tochter schreibt: „Du bist Abschaum, Schatz, du bist die Krätze, und ich hoffe, dass du weißt, dass dein Lächeln inzwischen Risse aufweist.“

Worum es in dem Buch geht, wird nicht unbedingt deutlich. Eine Handlung jedenfalls gibt es nicht wirklich. Mifti lebt mit ihren Halbgeschwistern Edmond und Annika in Berlin Mitte, in einer verwahrlosten Wohnung, die vergeblich von einer Haushälterin einigermaßen in Schuss gehalten wird. Der Vater ist ein erfolgreicher Künstler, der mit seiner Geliebten ein paar Straßen weiter lebt und am Verbleib seiner Kinder kein allzu großes Interesse zeigt. Während Mifti hin und wieder versucht, die Schule zu besuchen, daran meistens scheitert, schafft Annika es relativ erfolgreich für eine Werbeagentur zu arbeiten. Was Edmond wirklich macht, außer ab und an halbnackt die Kastanienallee hinunterzulaufen und an diversen kreativen Projekten zu arbeiten, wird im Laufe des Buches nicht völlig ersichtlich.

Hauchzart legt sich über den Wahn aus Drogenkonsum und zugedröhntem Abhängen in der Geschwisterwohnung und in den Lofts reicher Freunde eine Liebesgeschichte, die einem zunächst gar nicht wirklich auffallen möchte. Alice ist so was wie ein Schutzengel, der Mifti nach ihrem ersten Heroinversuch vor einem unreflektierten Selbstmord rettet, sonst aber nur in Miftis Gedanken auftritt. Die ältere Frau, die als Fotografin und DJ  arbeitet und irgendwie nicht so recht mitspielt im Drogensumpf und mit der Mifti wohl kurz eine Liebesbeziehung hat.

Und trotzdem möchte man es fertig lesen, diese Aneinanderreihung von Fragmenten, Gedankenfetzen, SMS- und Emailtexten, durch die man glaube ich nur problemlos hindurchfließen kann, wenn man nicht älter als 30 ist. Maxim Biller, dem ich an dieser Stelle unterstelle in Helene Hegemann verknallt zu sein, schrieb in der FAS von letzter Woche, dass „alle zehn Jahre in Deutschland ein Buch erscheint, das nur die lesen sollten, die es angeht“.

Und wenn viele denken, dass es sich dabei um eine Art Fortsetzung von „Feuchtgebiete“ handelt, ist es doch ganz anders, vielleicht auch darum, weil Helene Hegemann eben nicht Charlotte Roche ist, sondern irgendwie doch Mifti und man sich ein bisschen Sorgen um sie macht und bei vielen Textstellen hofft, dass sie keinen real biografischen Hintergrund haben. Mit “Feuchtgebiete” kann man „Axolotl Raodkill“ nur insofern vergleichen, als dass Helene Hegemann gelingt, was bei Charlotte Roche als kläglicher Versuch scheiterte: Ein Buch zu schreiben, über das man reden möchte, Dinge zu sagen, die man nur einer 17jährigen abnehmen kann, die auf jede Konvention scheißt.

Und was bringt es? Auf eine sonderbare Art und Weise die Gewissheit, dass alles doch gar nicht so schlimm ist und dass man auch ganz alleine und aus sich heraus Großes leisten kann, aber wohl nur dann, wenn man noch nicht 30 ist und fest steckt in der Maschinerie der Übereinkünfte. Danke Helene.

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13 Kommentare zu „Axolotl Roadkill:
Dehydriert und gleichzeitig überflüssig“

  1. anonymous sagt:

    kaufen ja nein? mhh..

  2. corinna sagt:

    Eine sehr, sehr gute Buchbesprechung ist das, Mahret. Du bringst mich darauf, dass ich Axolotl Roadkill vielleicht doch lesen sollte.

  3. Lisa sagt:

    hey, die beste weil dem Buch am nächsten gekommene Buchkritik- und ich habe viele andere gelesen. Die fremdelten sehr mit Buch und Person.
    Jetzt bilde ich mir erstmal meine eigene Meinung, Du lässt mir das wichtig erscheinen.

  4. hysteria2001 sagt:

    danke! auch für die bittere wahrheit des letztes absatzes. ein 30something

  5. nico sagt:

    Durch den Artikel im Zeitmagazin bin ich auf sie aufmerksam geworden und nach deinem werde ichs nun lesen.

  6. mary sagt:

    ich habe das gefühl, es geht in dem buch nicht um das, was du hier beschreibst. es liegt jetzt auch hier und ich tue das, was angeraten ist: selber lesen.

  7. blica sagt:

    “(…)dass man auch ganz alleine und aus sich heraus Großes leisten kann, aber wohl nur dann, wenn man noch nicht 30 ist und fest steckt in der Maschinerie der Übereinkünfte. Danke Helene.”

    ich bin mir ja ehrlich gesagt nicht so sicher, ob helene so ganz alleine und aus sich heraus grosses geleistet hat- immerhin haben ihr die kontakte ihres vaters doch eine welt eröffnet, die sich andere erarbeiten müssen. (s. die zeit: “Nach dem Tod ihrer Mutter wohnte ihr Vater für ein halbes Jahr in Bochum. Sie begleitete ihn nach Wien, weil er dort mit Christoph Schlingensief ein Stück inszenierte. »Ich fand die Leute da so wahnsinnig cool, ich habe mich verstanden gefühlt. Das hatte viel mehr mit mir zu tun als alles davor«”) auch wenn ich daraus nicht schliessen möchte, dass es nicht letztlich ihre eigene leistung sei, loszulegen mit dem schreiben etc., würde ich diese ganze genie-geschichte doch irgendwie relativieren wollen. denn kontakte sind in einem solchen zusammenhang nicht zu unterschätzen – und eben auch nicht unwichtig, wenn es um romanveröffentlichungen etc. geht. da hat es ein provinz-teenager, der mal eben so die schule abgebrochen hat, ohne entsprechenden background doch etwas schwerer.

  8. mahret sagt:

    das meine ich nicht mit “aus sich selbst heraus”. Es ist eine Tatsache, dass Helene in einem Umfeld groß geworden ist, dass ihr viele Dinge erleichtert hat (viele Dinge sicher auch schwerer gemacht, aber darum geht es hier ja nicht…). Ich meine, dass Helene eine Art “Kinderbonus” hat. Sie sagt die Dinge, rein und unverblümt ohne jemandem gefallen zu wollen, ohne sich in irgendeine Tradition zu stellen. Sie holt einfach alles aus sich raus und haut es in die Tastatur, mit einer Abgebrühtheit und Scheißegal-Attitüte, die ihresgleichen sucht. So ein Buch kann man nicht schreiben, wenn man älter ist, das geht nur, wenn man noch so jung und frisch und uneingebunden ist, in eine “Maschinerie der Übereinkünfte”. Insofern sollten wir dankbar sein, dass Helene einen berühmten Papa hat, der sie mit nach Wien genommen hat und ihr einen Kanal ermöglicht hat, den viele reine, kluge Geister in ihrem Alter nicht haben.

  9. Jenny sagt:

    Ich frage mich, warum Leuten, die einfach nicht irgendeinem gefestigten Standard entsprechen, direkt in irgendeiner Form “Betrug” unterstellt wird. Ihr Vater ist “Dramaturg” und definitiv nicht “berühmt” genug, um seiner Tochter durch seine Beliebtheit irgendwas erheblich zu erleichtern. Sie arbeitet in einem anderen Bereich, und die Aufmerksamkeit dort hat sie sich selbst erkämpft, so viel entnehme ich zumindest den ernstzunehmenderen der vielen Zeitungsartikel. Filmproduzenten, die weder ihren Namen noch den ihres Vaters kannten, das Drehbuch zu ihrem Film geschickt, einer Literaturagentin die ersten Versuche zu dem Roman… kann man nicht einfach anerkennen, das da ein Mensch anders funktioniert, ihm sein Talent zugestehen und nicht direkt wieder nach Begründungen dafür suchen?

  10. BelleOnEarth sagt:

    Ich habe auch ein tolles Portrait über sie in der ZEIT gelesen

  11. Erscheint mir lesens- und sehenswert, was ich nicht von vielem behaupten kann.

  12. ARTiBerlin sagt:

    Wow. Hat es vor Helene schon einmal jemand geschafft, eine solch hiesige Welle an Diskussionen auszulösen???
    Sie geht Tatsache noch in die Geschichte ein.
    Vielleicht ist Folgendes interessant:

    http://www.artiberlin.de/article/Axolotl_Roadkill-Wie_ich_mich_mit_Helene_H_ve

  13. Tjaso sagt:

    Ich habe das Buch nicht zuende gelesen und ich werde es sicherlich nicht noch einmal versuchen.
    Ein Buch, das nur die lesen sollten, die es angeht?
    Nun ja mit Depressionen kenne ich mich aus aber dieses Buch war für mich unlesbar… Tut mir leid.
    Ich denke es ist kein Buch NUR für Leute unter Dreißig (ich bin 26 Jahre) sondern eher NUR für Leute unter zwanzig.
    Trotzdem, netter Versuch.