
Backstage @ Givenchy via BrianBoy
Es ist naiv zu behaupten, dass die Modewelt abstrakte Ideale diktiert.
The European hat um meine Meinung gebeten und ich habe geantwortet zu einem Thema, das gerne im Kreis diskutiert wird.
Kaum verkündet die BRIGITTE stolz, dass künftig keine professionellen Models mehr im Magazin auftauchen, fährt Karl Lagerfeld dem Hamburger Frauenmagazin über den Mund: „Runde Frauen will da niemand sehen!“ Von „runden Frauen“ ist explizit bei der BRIGITTE nie die Rede gewesen. Woher die vom gemeinen Standpunkt aus betrachtet seltsame Schräglage in der Modewelt kommt, dass alles, was im knabenhaften Raster des dort herrschenden weiblichen Ideals stecken bleibt, dick ist, erklärt sich möglicherweise durch die Vorliebe für Extrema. Alles geht, nur normal darf es nicht sein. Und dick auch nur im Rahmen einer ausladenden Inszenierung, wie im Falle der Sängerin der US-Band Gossip Beth Ditto beispielsweise, die Herr Lagerfeld zu seinen Musen zählt. Eine Ausnahme, denn wer in der Mode nicht die nötige (körperliche) Exaltiertheit à la Ditto von Haus aus mitbringt, ist besser dünn und zwar extrem dünn, um eine Chance auf Erfolg zu haben und das beschränkt sich nicht nur auf eine Modelkarriere. Aber warum?
Erklärungsansätze gibt es viele. Darunter so fragwürdige wie der, dass in der Homosexualität der meisten (männlichen) Designer der Grund für Androgynität auf den Laufstegen zu suchen sei. Oder so ökonomisch Ansätze wie das Sparstrumpfargument: Weniger Körper bedeute weniger teure Stoffe und damit günstigere Musterkollektionen. Die vermeintliche Ästhetik wird auch oft angeführt, eben dass Mode an dünneren Frauen besser aussehe. Eine Tatsache ist, dass die Thematik die Gemüter erhitzt und die Lager spaltet in einen kleiner Kreis solcher, die „drin“ sind, in der Mode und daher gezwungenermaßen irgendwie „pro“ Magermodel, die, die gerne drin wären und den großen Rest, der sich nicht repräsentiert fühlt, durch Modelle, die so weit entfernt sind, vom in der Regel recht durchschnittlichen Selbst, das wiederum von der Mode so gemieden wird, wie das Weihwasser vom Teufel.
„Die Welt der schönen Kleider hat schließlich mit Träumen und Illusionen zu tun“ sagt Lagerfeld in seinem Anti-BRIGITTE Pamphlet an anderer Stelle. Und die sind eben mager und nicht mehr nur schlank, sportlich und weiblich, wie vielleicht noch in den 90er Jahren zu Zeiten der großen Supermodels. Ein vom Plebs als schön empfundener Körper ist heute durch Fitness und Schönheitschirurgie keine Kunst mehr. Dank zahlreicher ausgeklügelter Diätprogramme darf man sogar schlemmen und auch die Bewegung wird zum positiven Erlebnis stilisiert. Mager zu sein ist hingegen Verzicht auf irdische Genüsse, Askese, Selbstzucht, Strenge, wahre Leistungen, die nur wenige im Stande sind zu erbringen, die aber nicht nur in der Modebranche (traurige) Bedingung für Erfolg sind.
Es ist naiv zu behaupten, dass die Modewelt abstrakte Ideale diktiert. Die Mode ist ein Markt, der nach ökonomischen Gesetzen funktioniert und von Exklusivität lebt und jede Saison aufs Neue von der stetig nachrückenden Realität davonläuft. Insofern kreiert jede Gesellschaft ihre eigenen Ideale und so auch das des extrem dünnen Modellmenschen, der uns nicht nur in der Mode begegnet, sondern auch auf der Leinwand in der künstlichen Werbewelt und in der retouchierten Magazinrealität. Wer dünn ist, der hat über den eigenen Körper gesiegt und damit dem Erfolg scheinbar auf ganzer Linie Tor und Tür geöffnet. Die „Magermodels“ wären demnach nur überspitzter Ausdruck einer gesellschaftlichen Begehrlichkeit, die an den Rändern auszufransen beginnt: Eine Entwicklung in eine andere Richtung ist unausweichlich und zeichnet sich bereits ab. Der Magerwahn hat schließlich seine natürliche Grenze.
Publiziert am 09.12.20009 auf The European
Schlagworte: Magermodels, The European
Einer der wenigen konstruktiven Artikel zu diesem leidigen, wenn auch unausweichlich wichtigem Thema, der zum Nach- und Umdenken motiviert – danke dafür!
diese diskussion führe ich in regelmäßigen abständen mit meiner mutter in der küche, sie ist brigitte, ich bin karl.
es geht schließlich um den verkauf von illusionen, und man könnte noch einen schritt weiter gehen un behaupten den verkauf von illusionen als kunstform inszeniert. es geht um die projektion einer surrealen wirklichkeit, die mir unter anderem die modewelt suggeriert – wenn ich nicht in der lage bin, zu differenzieren, dann bleibt mir immer noch die verweigerung und der blick auf die realtität.
danke für den lesenwerten artikel.
ich stimme dir zu, bin allerdings der meinung, daß das zeigen von magermodels auch ein verzerrtes frauenbild transportiert- frauen sollen sich dünne machen um nur ja nicht zu präsent zu sein.
ach da gibt es auf intelligenter ebene viel zu reden, viel mehr, als sich in 3500 zeichen pressen lassen. mir war ja erstmal wichtig, die ganze diskussion überhaupt auf eine möglichst sachliche ebene zu heben. ich halte das thema nach wie vor für sehr wichtig/spannend, nur wird es leider meist so platt und emotional abgefrühstückt, dass mir meist die Lust fehlt, in das Gejammere miteinzustimmen.
super artikel, mahret!!!
ich bin sicherlich nicht pro mager, gebe karl aber recht, dass es oft das ist, was modeinteressierte frauen sehen möchten. das schönheitsideal ist seit jeher immer das am schwierigsten erreichbare. siehe die rubensfrauen im 18. Jh. usw.
die modewelt verkauft nunmal solche abstrusen träume, ich sehe auch lieber kleidung an schlanken models, aber man muss eben am ende immer abstrahieren können, dass diese frauen nunmal modelle sind, nicht die durchschnittsfrau und das es am ende immer nur um kommerz geht und in realität man meistens sowieso nicht wegen den klamotten sondern wegen seiner persönlichkeit, seiner haltung und seiner austrahlung gut aussieht.
amen. ;)
Schlaue Gedanken, wohl formuliert (vor allem das Fazit).
Liebe Mahret,
nun endlich komme ich mal dazu, mir deinen Artikel in Ruhe durchzulesen.
Wie alle Kommentatoren so bin auch ich begeistert, wie du das Thema reflektierst.
Dem Inhalt kann ich auch nichts weiter hinzufügen, denn er spricht mir aus dem Herzen. Aber wie Julia es bereits erwähnt hat, so möchte auch ich nochmal betonen, dass dein Fazit klug formuliert ist. Besonders der letzte Satz.
I love it!!!
sehr schoener artikel. es gibt doch einige normalgewichtige Models (wenn auch nicht für den Laufsteg), wie Julia Restoin-Roitfeld. Fällt dann aber wohl in eine andere Kategorie (also wie und woher der Erfolg meine ich)…